Manchmal tut es ein Picknickbeutel

Warum touristische Zusammenarbeit mehr braucht als gemeinsame Beschlüsse.

Zusammenarbeit ist immer eine gute Sache. Darin sind wir uns im Tourismus eigentlich alle einig. Regionen sollen enger zusammenrücken, Synergien nutzen, Ressourcen bündeln und gemeinsam mehr erreichen. Das geben uns Strategien, Entwicklungskonzepten und politische Beschlüsse vor, und es ist ja auch ganz logisch. Nur bedeutet ein gemeinsamer Beschluss noch lange nicht, dass die Menschen, die ihn umsetzen sollen, es auch tatsächlich schaffen, zusammenzuarbeiten.

Wenn die Strategie fertig ist

Viele touristische Regionen haben in den vergangenen Jahren umfangreiche Strategieprozesse durchlaufen. Ziele wurden formuliert, Strukturen angepasst, gemeinsame Leitbilder entwickelt. Häufig mit Workshops, Arbeitsgruppen und jeder Menge Abstimmungsbedarf.

Und dann? Jetzt soll die Zusammenarbeit beginnen.

Und gleichzeitig? Die Tourist-Informationen müssen ihr Tagesgeschäft bewältigen, personelle Ressourcen sind knapp und die nächste Saison steht vor der Tür. Vielleicht kennen sich die Kolleginnen und Kollegen aus den Nachbarkommunen auch noch gar nicht besonders gut. Und die Umsetzung der vielen guten Ideen war möglicherweise gar nicht mehr Bestandteil des Auftrags. Und so kann es passieren, dass eine Region zwar eine gemeinsame Strategie hat, im Arbeitsalltag aber erstmal alles beim Alten bleibt.

Was ein Picknickbeutel damit zu tun hat

In der Nationalparkregion Hunsrück-Hochwald haben wir über die Jahre verschiedene Gemeinschaftsprodukte entwickelt. Eines davon war der Picknickbeutel für den Nahesteig. An diesem Projekt waren zunächst drei der acht Kommunen der Region beteiligt. Eben die, durch deren Gebiet der Nahesteig führt. Wir hatten also ein gemeinsames Thema und die Idee, Wanderern unterwegs ein schönes Angebot zu machen und gleichzeitig die regionale Gastronomie einzubinden.

Die Idee entstand während der Pandemie. Wir wollten Wanderern ein schönes Angebot machen und gleichzeitig unsere Wirte wenigstens ein ganz klein wenig unterstützen. Herausgekommen ist ein roter Stoffbeutel mit regionalen Leckereien, den Wanderer für ihre Tour bestellen konnten. Die beteiligten Betriebe hatten ein zusätzliches Angebot, die Tourist-Informationen etwas, das sie ihren Gästen empfehlen konnten, und wir konnten den Nahesteig gemeinsam vermarkten. Den Beutel kann man sich übrigens bis heute für seine Wanderung vorbestellen.

Das war jetzt keine bahnbrechende touristische Innovation. Musste es aber auch nicht sein.

Passiert ist hier vor allem etwas mit uns touristischen Kollegen: Denn um das Produkt auf den Weg zu bringen, mussten wir uns abstimmen, Betriebe ansprechen, Zuständigkeiten klären und gemeinsam Lösungen finden. Wir hatten einen konkreten Anlass, miteinander zu arbeiten, und am Ende ein Ergebnis, das sich zeigen ließ.

Einmal Picknick, immer Picknick?

Beim roten Nahesteig-Beutel blieb es nicht. Es gab auch grüne Sommerbeutel und naturfarbene Winterpicknickbeutel. Da waren dann alle Kommunen der Nationalparkregion dabei. Wir haben sogar Gutscheine dafür entwickelt, das Winterpicknick wurde so zum Weihnachtsgeschenk.

Natürlich steckte auch in diesen vermeintlich einfachen Produkten einiges an Arbeit. Wer macht mit? Was soll hinein? Wie wird kalkuliert? Wer nimmt die Bestellungen entgegen?

Solche Fragen lassen sich am besten klären, wenn man gemeinsam an einer konkreten Sache arbeitet. Dabei merkt man ziemlich schnell, was funktioniert und wo unterschiedliche Vorstellungen bestehen.

Und was hat es gebracht?

Waren die Picknickbeutel riesige Verkaufsschlager? Natürlich nicht, obwohl durchaus einige verkauft wurden. Aber das war auch nicht der einzige Maßstab. Wir hatten ein Angebot für unsere Gäste, konnten regionale Betriebe einbinden und hatten immer wieder Anlässe für gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit. In dem Zuge hat einer der Kollegen dann auch die Traumschleife "Lecker Pfädchen" entwickelt, einen Premiumweg mit dem Zusatz "Regionalgenuss" - mit mittlerweile umfangreichem Picknickangebot und mehreren Anbietern, die sich kümmern. Wir haben also etwas angestoßen. Und zwar gemeinsam.

Das war für unsere Zusammenarbeit in der Region wirklich wichtig. Man lernt seine Kollegen eben anders kennen, wenn man zusammen an einer Aufgabe arbeitet, als wenn man sich zweimal im Jahr in einer Sitzung begegnet. Man erfährt, wer welche Ideen hat, wer sich worum kümmern kann und wie die anderen arbeiten. Und man bekommt auch ein Gefühl dafür, was man beim nächsten Mal besser machen sollte.

Es müssen nicht immer alle mitmachen

Beim Thema Kooperation wird häufig sehr groß gedacht. Möglichst die ganze Region, möglichst viele Partner und am besten gleich ein umfassendes gemeinsames Projekt.

Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, zunächst mit denjenigen anzufangen, die ein Thema tatsächlich verbindet. Beim Nahesteig waren das drei Kommunen und nicht acht. Für die anderen gab es keinen unmittelbaren Anlass, sich an genau diesem Produkt zu beteiligen. Beim Lecker Pfädchen hat einer das Angebot aufgegriffen, weiterentwickelt und ein wirklich erfolgreiches neues Produkt geschaffen.

Nicht jedes Gemeinschaftsprojekt muss also besonders aufwendig sein. Ein überschaubares Vorhaben, das innerhalb einer vernünftigen Zeit umgesetzt werden kann, ist für den Anfang vielleicht sogar besser geeignet als ein großes Projekt mit entsprechend vielen Abstimmungsrunden. Und es gibt immer die die mehr und die die weniger direkten Profit haben. Da muss man entspannt sein. Beim nächsten Projekt ist es anders herum.

Touristische Produktentwicklung als Grundlage für Zusammenarbeit

Wir bewerten Produktentwicklung vor allem danach, ob ein Angebot neu, attraktiv und wirtschaftlich erfolgreich ist. Das sind durchaus berechtigte Kriterien. Aber gerade in Regionen, in denen Zusammenarbeit erst wachsen muss, kann die gemeinsame Entwicklung eines Produkts noch eine weitere Funktion erfüllen. Sie bringt Menschen an einen Tisch und ermöglicht erste gemeinsame Erfahrungen.

Das ersetzt natürlich keine Strategie und löst auch nicht sämtliche organisatorischen Probleme. Es kann aber helfen, die Lücke zwischen gemeinsam formulierten Zielen und der praktischen Zusammenarbeit ein Stück kleiner zu machen - und dafür muss es nicht immer das nächste große Leuchtturmprojekt sein.

Manchmal tut es auch ein Picknickbeutel.

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